Das Matchplan-Dilemma: Warum man ihn vergisst, wenn man ihn dringend braucht

Stell dir vor:
Du hast fleißig und stark trainiert. Am Donnerstag gehst du mit deinem Trainer nochmal alle Schläge durch:
1) Vorhand
2) Rückhand
3) Aufschlag
Ihr übt Volleys und studiert Spielzüge ein. Gibt es etwas Cooleres, als neu gelernte Spielzüge später im Wettkampf umzusetzen? Wahrscheinlich nicht. Du fährst mit einem wunderbaren Gefühl am Donnerstag-Abend nach Hause. Im Auto läuft eine alte ACDC-Platte. Du beginnst in Gedanken deinen Matchplan für den kommenden Samstag zu bauen.
Beim Refrain von „Thunderstruck“ denkst du dir:
„Mensch, die Vorhand, die kam heute so gut. Die werde ich Samstag direkt nach meinem starken Aufschlag einsetzen. Ach ja, und weil die heute so gut kam, wird die auch für meinen Return auf den zweiten Aufschlag des Gegners wichtig!“.
Du fährst weiter nach Hause und berichtest deiner Familie beim Abendessen von deinem erfolgreichen Training. Deine Liebsten spüren, wie euphorisch und zielgerichtet du für dein LK-Turnier am Samstag bist.
Bis es so weit ist, gehst du bis zu diesem Samstag in Gedanken immer wieder deinen Matchplan durch.
Zum Beispiel:
„Mensch, den Aufschlag, den werde ich richtig schön als Brett durch die Mitte spielen!“. Oder auch: „Den Vorhand-Spielzug aus dem letzten Training, den bringe ich direkt zu Beginn des Matches!“. Oder auch:
„Die ganzen Sachen, die im Training so wunderbar funktioniert haben ... Mensch, ich freue mich schon, diese am Samstag endlich alle umsetzen zu können!“.
Dann kommt der Samstag.
Warum man den Matchplan vergisst, wenn man ihn braucht
Du stehst auf dem Platz und die Sonne blendet dich.
Du siehst beim Einspielen im Grunde – nichts. Den Gegner erkennst du nur als Silhouette. Als Schatten, den du nicht definieren kannst. Den Ball siehst du erst, wenn er kurz vor deiner Nase ist. Bereits nach zwei Minuten Einspielen ist dein Puls erhöht. Höher, als er es letzten Donnerstag im Training war. Das Match hat nicht mal begonnen.
Dein Gegner spielt dir in diesem Einspielen keinen Ball vernünftig zu. Er scheint ein Mondball-Zombie von einem anderen Planeten zu sein. Einer, der selbst nicht weiß, wohin seine Schläge fliegen.
Mit einem weiterhin stark erhöhten Puls beginnst du als Aufschläger das Match. Von deinem Plan, ein Brett durch die Mitte zu servieren und dann deine Vorhand einzusetzen, ist in deinem Kopf nicht mehr viel übrig.
Stattdessen regst du dich über die Sonne und den Gegner auf. Wenn du mit diesem Gedankenkreislauf durch bist, regst du dich darüber auf, dass du dich aufregst.
Mit diesem Mindset beginnst du das Match mit zwei Doppelfehlern und einem leichten Vorhand-Fehler aus dem Halbfeld. Der vierte Punkt ist ein perfekt gespielter Stopp des Mondball-Zombies, der dich zuvor mit drei Mondbällen vier Meter hinter die Grundlinie getrieben hat.
Mit dem festen Entschluss, nach diesem Match deine Karriere beenden zu wollen, marschierst du zum ersten Seitenwechsel. Du kalkulierst bereits, zu welchem Preis du deine Tennisschläger bei eBay reinsetzen kannst.
Von deinem Matchplan ist bereits nach dem ersten Aufschlagspiel nicht mehr übrig. Dabei könntest du ihn genau jetzt so gut gebrauchen.
Warum ein Matchplan dir nicht hilft – und was du stattdessen tun kannst
Schau, lieber Freund der fliegenden Filzkugel:
Ein Matchplan ist eine feine Sache. Ich bin nicht gegen Matchpläne. Aber ich bin gegen Matchpläne, die dich in deinen Wettkampf-Matches blockieren.
In unserem Beispiel haben wir erlebt, wie der ganz normale Wahnsinn eines Matches jeden Matchplan innerhalb von nur einem Aufschlagspiel komplett zerstören kann. Keine Sorge, das passiert Spielern regelmäßig.
Der Fehler liegt nicht darin, einen Matchplan zu haben. Der Fehler liegt darin, seinen Matchplan mit Vorhaben zu füllen, auf die du nicht zu 100 % Einfluss hast.
Wir wagen uns mal auf das Territorium der Matchpsychologie.
Du hast in einem Wettkampf-Match auf nur ganz wenige Dinge zu 100 % Einfluss. Zum Beispiel hast du nicht zu 100 % Einfluss darauf, ob du gewinnen oder verlieren wirst. Du hast auch keinen großen Einfluss darauf, wie dein Gegner spielen wird. Ja, du hast nicht mal zu 100 % Einfluss darauf, wie der nächste Ballwechsel verlaufen wird.
Wir halten kurz fest:
Du hast im Prinzip auf nichts so richtig Einfluss. Mit einigen wenigen Ausnahmen.
Wie du einen Matchplan baust, den du nicht vergisst
Du ahnst es. Wir kommen jetzt auf die Sachen zu sprechen, auf die du tatsächlich zu 100 % Einfluss hast. Schön ist, dass es nur ganz wenige Sachen sind. Das macht es uns leicht, einen coolen Matchplan für deine nächsten Wettkämpfe zu bauen.
Lass uns kurz brainstormen, worauf du zu 100 % Einfluss in einem Tennismatch hast.
Ich starte mal:
1) Wie du auf Fehler reagierst. Deine emotionale Reaktion. Darauf hast du Einfluss
2) Auf deine Füße. Dich gut zu bewegen, darüber hast du volle Kontrolle
3) Pausen beim Seitenwechsel nutzen
4) Atmen. Mag banal klingen, aber wie oft hältst du aufgrund von Panik, Angst und Anspannung unbewusst die Luft an? Bewusst zu atmen ist eine der unterschätzten „Stärken“ der mental starken Tennisspieler. Auf deine Atmung hast du zu 100 % Einfluss
5) Ball anschauen. Wohin dein Blick wandert, wo deine Aufmerksamkeit ist. Darauf hast du auch zu 100 % Einfluss
Das sind jetzt bewusst nur fünf Punkte. Es gibt noch mehr, aber wir wollen deinen Matchplan simpel und umsetzbar halten.
Aus diesen fünf Punkten kannst du dir jetzt zwei bis drei Punkte schnappen. Starte mit zwei Punkten, wenn du noch nicht so lange Wettkampf-Tennis spielst. Starte klein, damit du dich im weiteren Verlauf deiner Karriere steigern kannst.
Ein Beispiel wäre:
1) Bewusst atmen
2) Füße gut bewegen
Mit diesem kleinen Matchplan hast du deinen Kopf vor einem Match aufgeräumt. Du setzt dich weniger unter Druck. Deine Erwartungshaltung ist geringer, was psychologisch wertvoll für dein Leistungsniveau sein kann.
Ein solcher simpler Matchplan ist für dich umsetzbar. Du hast Dinge, auf die du in jeder Phase eines Matches zurückgreifen kannst. Es sind Sachen, die du dir merken kannst.
Plus:
Dieser Matchplan fördert deine mentale Stärke, anstatt dich mit Erwartungen an dein eigenes Spiel zu überfordern.
Mehr mentales Know-how findest du auf https://www.tennis-insider.de/mental-report
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